Die AgfaPhoto-Pleite ist noch nicht abgeschlossen

Noch im April 2005 hatte die damalige AgfaPhoto Geschäftsleitung mit (von links) Ingbert Schmitz, Eddy Rottie und Mark Bamberger das neue AgfaPhoto Logo mit dem legendären roten Sensorpunkt vorgestellt.

Ende Mai war es genau 16 Jahre her, dass die AgfaPhoto GmbH einen Insolvenzantrag stellte. Nur knapp sieben Monate, nachdem sich die Agfa-Gevaert NV von ihrem ehemaligen Geschäftsbereich Consumer Imaging getrennt hatte, waren Kunden und Geschäftspartner des Traditionsunternehmens von der unerwarteten Pleite wie vom Donner gerührt. 

Jetzt gibt es Erkenntnisse, dass die Investorengruppe um den ehemaligen Mc Kinsey Berater Hartmut Emans niemals vorhatte, das von ihr übernommene Unternehmen langfristig weiterzuführen.

Das jedenfalls will Dr. Hartmut Hilden den öffentlich zugänglichen Akten des Oberlandesgerichts Frankfurt entnommen haben. Denn nach den Feststellungen des Gerichts erfolgte die Übernahme der AgfaPhoto-Gruppe auf Basis eines Konzepts, das die Schließung des Gesamtgeschäfts zum Ende 2007, also drei Jahre nach der Übernahme, vorsah.

Dr. Hartmut Hilden

Der langjährige Pressesprecher von Agfa-Gevaert, der im November 2004 sozusagen mit AgfaPhoto „mitverkauft“ wurde, hat bis heute nicht locker gelassen, Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Pleite zu suchen. Nachdem der gelernte Jurist seine eigene arbeitsrechtliche Auseinandersetzung mit Agfa-Gevaert erfolgreich abgeschlossen hat, vertrat er als Rechtsanwalt zahlreiche ehemalige Agfa-Mitarbeiter bei ihren Prozessen und konnte dabei regelmäßig positive Urteile erreichen.

410 Millionen Euro Schadensersatz?

Ebenfalls bisher nicht locker gelassen hat der AgfaPhoto Insolvenzverwalter Dr. Andreas Ringstmeier, der immer noch die Ansicht vertritt, Agfa-Gevaert habe die Insolvenz verschuldet und müsse deshalb Schadensersatz leisten. Bereits 2007 hatte er deshalb Klage beim Internationalen Schiedsgerichtshof (ICC) eingereicht, der 2018 allerdings die Klage abwies. Das gleiche Schicksal hatte 2010 bereits Investor Emans erlitten, der vor dem ICC 265 Millionen Schadensersatz von Agfa gefordert hatte. Aber der Insolvenzverwalter legte gegen die ICC-Entscheidung in seinem Verfahren Einspruch beim OLG Frankfurt ein. Und das erklärte 2020 den Schiedsspruch aus formalen Gründen für ungültig. Eine Beschwerde gegen diese Entscheidung, die Agfa-Gevaert beim Bundesgerichtshof eingelegt hat, wurde nun zurückgewiesen. Damit kann der Kampf des Insolvenzverwalters, der bereits eine Quote von 60 Prozent vorweisen kann, wieder neu beginnen: Bis zu 410 Millionen Euro will Ringstmeier für die Gläubiger, zu denen auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von AgfaPhoto gehören, von der Agfa-Gevaert NV erstreiten.

Von Anfang an eine Luftnummer?

Die plötzliche Insolvenz von Agfa­Photo erregte 2005 deshalb so viel Auf­sehen, weil bei der Neugründung der AgfaPhoto im November 2004 ­gerade die gute Finanzausstattung gelobt wurde, mit der die ehemalige Muttergesellschaft ihre Tochter versehen haben wollte. Von mehr als 70 Millionen Euro Cash war damals die Rede. Die öffentlich zugänglichen Akten des OLG Frankfurt legen laut Hilden allerdings nahe, dass es diese Summe nie gegeben habe.

Dieser Ansicht war auch Ringstmeier; ein vom Schiedsgericht beauftragter Gutachter kam 2012 zu dem Schluss, dass es bereits bei dem Betriebsübergang Ende 2004 keine Chance gab, AgfaPhoto langfristig fortzuführen. Ein wichtiger Faktor dabei ist der Unternehmenswert zum Zeitpunkt der Übergabe. Er sollte laut dem Vertrag zwischen Agfa-Gevaert und der Emans Holding in jedem Fall positiv sein – aber nicht in Höhe von vielen Millionen, sondern von gerade einmal 100 Euro. Würde ein geringerer Wert festgestellt, müsste Agfa-Gevaert die Differenz zwischen diesen 100 Euro und dem tatsächlichen Wert auffüllen.

Der Insolvenzverwalter hat für den Zeitpunkt der Übergabe einen negativen Wert von -314 Millionen Euro angesetzt. Die Differenz zu den vertraglich vereinbarten 100 Euro müsste Agfa demnach zuzüglich Zinsen an ihn bzw. die Gläubiger zahlen. Agfa-­Gevaert beziffert den Unternehmenswert am Verkaufstag dagegen auf 109 Millionen Euro, also deutlich höher als den Mindestwert.

Ein weiteres Gutachten, mit dem eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft aus der Schweiz beauftragt wurde, kam zehn Jahre nach dem Verkauf zu dem Ergebnis, der damalige Unternehmens­wert habe 32 Millionen Euro betragen. Diese Zahlen basierten vor allem auf der Annahme, dass Film und Fotopapier noch 20 Monate weiter produziert werden sollten, während das Laborgeräte-Geschäft im Mai 2005 für mindestens 42 Millionen Euro verkauft werden sollte.

Aufgrund der weit unter den Erwartungen liegenden Verkäufe des mit großen Hoffnungen auf den Markt gebrachten digitalen Minilabs d-lab 1 wurden aber am Ende 2006 nur 12 Millionen Euro für dieses Geschäftsfeld erzielt.

Markt überschätzt?

Nachdem der Internationale Schiedsgerichtshof 2018 die Klage des Insolvenzverwalters abgewiesen hatte, stellte das OLG Frankfurt jetzt schwerwiegende Fehler bei der Unternehmensbewertung fest. Denn die Zahlen aus dem Investorenkonzept basierten auf optimistischen Hochrechnungen aus dem Zeitraum bis sechs Monate vor der Übernahme. Da es in den folgenden Monaten aber mit dem Laborgeräte-Geschäft steil bergab gegangen sei, habe das OLG die zu diesem Zeitpunkt angenommene Unternehmensbewertung als hinfällig bewertet, betonte Hilden. Das Schiedsgericht habe die Darstellung zum Geschäftseinbruch Im Sommer/Herbst 2004 in seinem Spruch zwar zur Kenntnis genommen, stellte das OLG fest, aber daraus nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen. Ob Ringstmeier deshalb mit weiteren Schadensersatzzahlungen von Agfa-Gevaert rechnen kann, ist damit allerdings nicht gesagt. Das über 13 Jahre andauernde Schiedsverfahren, das rund 40 bis 50 Millionen Euro gekostet haben dürfte, enthält bisher keine Aussage darüber, wer die Insolvenz verschuldet hat.

Einen Grund zur Freude hat ­Ringstmeier trotzdem. Denn nach dem 2018 erlassenen Schiedsspruch musste er Agfa-Gevaert 27 Millionen Euro Verfahrenskosten zahlen. Die bekommt er bzw. die Insolvenzmasse nun zurück.

Wie es weitergeht, ist derzeit offen. Jetzt liegt der Fall wieder beim Internationalen Schiedsgerichtshof, der sich wohl noch einige Jahre damit beschäftigen muss. Bis zum Abschluss wird es deshalb keine endgültige Quote für die Gläubiger geben.